FLOWER FACE

FLOWER FACE

Schon seit ihren ersten Singles auf Bandcamp geht Ruby McKinnon an Musik heran wie ein Schmied an ein Schwert: mit donnernden Hammerschlägen und sengender Glut. Die brillante Songwriterin hinter Flower Face lernte früh, dass sich aus den schmerzhaftesten Momenten Magie schlagen lässt. Auf ihrem neuen Album „Kill The Muse“ stellt sie sich nun genau diesem selbstzerstörerischen Schöpfungsmythos.

Die Songs mögen aus schlechten Beziehungen, durchzechten Nächten und emotionalen Trümmern entstanden sein. Beim Feilen und Aufnehmen lernte die Künstlerin aus Montreal jedoch nicht nur, das Chaos in etwas Tieferes zu verwandeln, sondern auch, ihr Leben zu ändern. „Mein Körper und mein Herz haben mich durch Dinge getragen, die sich unüberlebbar anfühlten. Warum verrate ich mich also selbst, verrate meinen Körper und mein Herz, indem ich Dinge tue, die mir so wehtun?“, fragt sie. Zwischen schmerzvollem Indie-Rock, Dream-Pop-Weite, folkiger Intimität und Anflügen von New Wave geht das Album diesen Fragen mit verblüffender Ehrlichkeit nach.

Die Lead-Single „Bad Dream“ speist sich am direktesten aus dieser Selbstanalyse: Zarte Gitarrenflächen legen sich um McKinnons geflüsterten, hallenden Gesang, dahinter hüpft das Schlagzeug wie ein flatternder Herzschlag. „Ich liebe dich am meisten, wenn du schläfst / Denn wenn du aufwachst, fällt alles auseinander“, seufzt sie und begreift, dass das nie eine echte Verbindung war, sondern eine Illusion, eine Krücke. Die zweite Single „Better the Devil“ blickt vom Boden einer Flasche aus auf die Welt: „Alle meine Freunde werden nüchtern / Das heißt wohl, ich trinke allein“, singt McKinnon. Plötzlich wird die rasende Fingerpicking-Gitarre von einer Welle aus ängstlicher Violine und donnerndem, verzerrtem Bass niedergeschlagen, das Gewicht der schlechten Entscheidungen wird nur vom Bewusstsein darüber übertönt.

Dass McKinnon die sprichwörtliche Muse töten muss, hat auch mit ihrer Geschichte zu tun. Als Kind begleitete sie ihren Vater, der bei einem lokalen Radiosender arbeitete, zu Konzerten und Interviews, später nahm sie Lo-Fi-Songs in ihrem Schlafzimmer auf und veröffentlichte sie auf Bandcamp. Mit siebzehn wurde bei ihr Krebs im dritten Stadium diagnostiziert, nach der Remission stand für sie fest, dass die Musik im Zentrum ihres Lebens stehen würde. „Indem ich mich auf diese Krücke des selbstzerstörerischen Kreislaufs verlassen habe, habe ich mich als Künstlerin eigentlich eingeschränkt und mir nicht erlaubt, zu wachsen und gefordert zu werden“, sagt sie.

Die Vocals entstanden im selben Studio in einem Cottage am See, in dem schon „Girl Prometheus“ (2024) aufgenommen wurde. Diesmal blieb in der ganzen Woche jeder Sonnenaufgang aus. Daraus wuchs die Einsicht, dass schmerzhafte Momente kein Werkzeug sind, für das man lebt, sondern etwas, das man erkennen, neu einordnen und loslassen kann. „Ich kann trotzdem mit meinem Kaffee auf dem Steg sitzen und auf die graue Wolkenwand blicken, und wenn es auch nur ein einziges Flackern von Sonnenlicht gibt, werde ich da sein, um es zu sehen.“ Im orchestralen Schwung von „Sunsick“ wettert sie gegen „Fernsehromantik“, und mit dem düsteren „Something I Can Never Have“ findet sich zum ersten Mal ein Cover auf einem ihrer Alben, ein Original von Nine Inch Nails.

Insgesamt geht es bei „Kill The Muse“ nicht darum, die Dunkelheit hinter sich zu lassen, die McKinnon zu einer so fesselnden Songwriterin gemacht hat. Es geht darum, sich von ihr nicht definieren zu lassen, sie als das anzuerkennen, was sie ist, und dann nach der Tiefe des Lebens um sie herum zu suchen. „Mein Leben sieht heute ganz anders aus, aber auch wenn diese Party vorbei ist, heißt das nicht, dass es keine neuen Geschichten zu erzählen gibt“, sagt McKinnon. Das Schwert bleibt, aber nun darf sie entscheiden, was sie damit macht.
 

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